erstellt am: 25 Feb, 2020 | Kategorie(n): AWO-Passgenau

Fußballkulturtage im Fanprojekt Aachen

Im Oktober 2019 veranstaltete das Fanprojekt aus Aachen wieder gemeinsam mit den anderen Fanprojekten aus NRW die Fußballkulturtage. Diesmal lag der Schwerpunkt auf Fankultur in Syrien und Südamerika.

Fankultur im Kriegsgebiet

Nadim Rai ist ein junger Mann und lebt seit 4 Jahren in Deutschland. Als er sich den rund 25 Besucher*innen im Fanprojekt vorstellt, betont er entschlossen: „Ich verstehe mich nicht als Flüchtling! Ich bin Syrer und Fußballfan!“ Sein Verein ist der Hutteen SC aus Latakia, einer ca. 400.000 Menschen großen Küstenstadt im Westen seines Heimatlandes. Die Farben seines Clubs sind blau und weiß, die des Lokalrivalen Teshrine SC gelb und rot. Bei den Derbys geht es auf den Rängen meist turbulent zu. Nadim versteckt seine Abneigung gegen den Erzrivalen ebenso wenig wie gegen den syrischen Fußballverband.

Was den Fußball und die Fankultur in Syrien anbelangt, so ist das Land für die meisten Fans in Deutschland ein blinder Fleck. Das Aleppo International Stadium umfasst z.B. beachtliche 75.000 Plätze, der größte Erfolg der syrischen Nationalmannschaft ist ein Finalsieg gegen Frankreich bei den Mittelmeerspielen 1987. Syrien wird in erster Linie mit dem blutigen Bürgerkrieg, der seit rund sieben Jahren dort tobt, in Verbindung gebracht. Trotz des Krieges und Maßnahmen des Verbandes haben die syrischen Ultras die Freude am Fußball nicht verloren. Sie haben die Liebe zum Fußball und zum eigenen Verein mit allen Ultras dieser Welt gemein. Und es geht ihnen nicht nur um den Sport, sie wirken mit ihrem Engagement auch in die gespaltene Gesellschaft hinein. Nadim zeichnet leidenschaftlich nach, wie sich der Fußball und mit ihm die Fanszene in den letzten Jahren entwickelt hat. 

Eugen zeigt sich vom Vortrag begeistert: „Super, der Junge. Respekt, was er so erlebt und auf die Beine gestellt hat!“ Gegen mögliche Vorurteile und Unwissenheit helfen die Begegnung und Gespräche. Nadim fühlt sich an diesem Abend sehr wohl bei uns und so werden bei syrischer Reispfanne sowie kühlem Bier noch bis nachts Erfahrungen über Fanszenen ausgetauscht. 

Ohne Fußball ist alles nichts

Seit mehr als 20 Jahren begleitet Hardy Grüne den Fußball als Fan, Reisender, kritischer Beobachter und Journalist. Er ist Herausgeber zahlreicher Bücher über die nationale sowie die internationale Fußballgeschichte und Fußballkultur. Sein Fokus liegt auf einem Fußball, der nicht dem grellen Scheinwerferlicht ausgesetzt ist. Er berichtet lieber über Bayern Hof als über Bayern München. Wenige Wochen vor seinem Gastspiel im Fanprojekt besuchte Hardy den Tivoli, um über Stadion und die Alemannia im aktuellen „Zeitspiel. Magazin für Fußball-Geschichte.“ zu schreiben.

Zum Einstieg erzählt Hardy eindrucksvoll vom Derby in Tirana. In die Hauptstadt Albaniens brachte ihn seine letzte Reise. Von dort geht es direkt nach Südamerika, dem Schwerpunkt seines Vortrags. Mit vielen farbenfrohen Fotos, spektakulären Filmen, Stimmungen, Emotionen und Musik bringt Hardy uns die leidenschaftliche Fankultur aus den beiden ältesten Fußballhochburgen der Welt, nämlich Montevideo und Buenos Aires, näher. In Montevideo fand er eine tief verwurzelte Fanliebe, die den Alltag prägt, und eine lebendige Fußballkultur, die jedes Wochenende die komplette Stadt erfasst. Eine einzigartige Stadionlandschaft, die eine regelrechte Zeitreise ermöglicht, kommt mit Charme und dem gewissen Etwas daher, ganz anders als die lieblosen Arenen hierzulande. Für Buenos Aires gibt es Reisetipps an Interessierte, die eifrig nachfragen: Ohne die spanische Sprache ein wenig zu verstehen, wird es schwierig. Schneller wird sie gelernt, wenn man sich für die Zeit der Reise in einer WG einquartiert. Dies ist zudem erlebnisreicher und kostengünstiger als die Übernachtung im Hotel. Hardy könnte noch stundenlang über seine Erfahrungen berichten und wir ihm noch stundenlang zuhören. Doch da für die meisten der 30 Besucher*innen am nächsten Tag sowohl Arbeit als auch die weiteste Auswärtsfahrt der tristen Regionalliga ansteht, müssen wir die Fortsetzung auf ein anderes Mal verschieben.